11.04.2021 – 20 Uhr
Erstausstrahlung

WIDMANN & AIMARD

In diesem Konzert ist Jörg Widmann selbst an der Klarinette zu erleben, gemeinsam mit dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard. Zusammen gestalten die beiden guten Freunde und Festival-Weggefährten diesen Abend mit Werken von Jörg Widmann, Alban Berg, György Kurtág und Carl Maria von Weber. Das verspricht ein spannender Abend um Lieblingswerke und besondere musikalische Verbindungen von und mit Jörg Widmann zu werden.

Die Veranstaltung wurde am 31.03.2021 live aufgenommen.

PROGRAMM

Jörg Widmann Klarinette
Pierre-Laurent Aimard
Klavier

Alban Berg
4 Stücke für Klarinette und Klavier op. 5

Jörg Widmann
Fantasie für Klarinette solo

György Kurtág
Auswahl aus „Játékok" für Klavier solo

Carl Maria von Weber
Grand Duo Concertant Es-Dur op. 48

ZUM PROGRAMM

Moderne Musik im Widmannschen Kosmos

Einmal in einem vor nicht allzu langer Zeit stattgefundenem Interview gefragt, ob es so etwas wie „alte“ und „moderne“ Musik für ihn gäbe, sagte Jörg Widmann: „Ich gehe an die Musik unserer Zeit nicht grundsätzlich anders heran als an die klassische oder romantische Musik. Natürlich sind die Stilistik, die Spezifika und die spieltechnischen Anforderungen andere, da gibt es Unterschiede. […] Gerade habe ich zum Beispiel mit einem Quartett für die Uraufführung meines neuen Streichquartetts geprobt und habe ausdrücklich gesagt: ‚Spielt es bitte nicht wie Neue Musik!‘ In meiner Musik gibt es noch Auftakt und Downbeat, Spannung und Entspannung. Das ist auch das Grundprinzip einer Schubert-Klaviersonate und hat sich bis Alban Berg nicht grundlegend geändert. Schönberg hat darauf ebenfalls zeitlebens hingewiesen: ‚Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt‘ war sein Selbstverständnis, die Prinzipien sind mehr oder weniger gleich geblieben. Das würde ich gerne unterschreiben.“ Insofern, treten Sie in den Kosmos des komponierenden Klarinettisten Jörg Widmann ein, der Sie durch Musik führt, in deren Zentrum seine liebste Freundin, die Klarinette, steht.

Alban Berg – Miniatur von 1913

Mit Alban Berg, den Widmann namentlich im oben zitierten Interview nennt, beginnt das Programm. Seine 4 Stücke op. 5 gehören – wie Anton Weberns Vier Stücke für Violine und Klavier op. 7 und Arnold Schönbergs Sechs kleine Klavierstücke op. 19 – zu jenen Miniaturen, mit denen die Komponisten der Wiener Schule um 1910 auf die monumentale Symphonik zu Beginn des Jahrhunderts reagierten. Die Stücke entstanden 1913. Sie sind atonal und die sonst bei Berg auftauchenden tonalen Einflechtungen fehlen. Das kürzeste Stück hat 9, das längste 20 Takte. Insgesamt dauern sie nicht länger als acht Minuten. Adorno machte auf den Zeitfaktor in diesen Stücken aufmerksam, dass sie zwar nur Augenblicke dauerten, aber dass diese Augenblicke keine Entwicklung und keine Zeit kennen würden, und sich doch gerade in der Zeit entfalteten. Passend dazu gibt es in den Miniaturen kein festes Metrum, im ersten Satz ändert Berg das Grundmetrum nahezu in jedem Takt.

Jörg Widmann – Miniatur 80 Jahre später

Auch Jörg Widmanns Fantasie für Klarinette solo aus dem Jahr 1993 dauert nicht einmal 7 Minuten. Sie ist das erste Stück, das Widmann für sein eigenes Instrument komponierte. Er selbst sagte über seine Fantasie für Klarinette: „In ihrer überdrehten Virtuosität und in ihrem heiter-ironischen Grundcharakter reflektiert sie die Erfahrungen mit Strawinskys 3 Stücken für Klarinette solo aus dem Jahr 1919 und die klanglichen Neuerungen, wie sie erst mit Carl Maria von Webers Schreibweise für die Klarinette in die Musik kamen, und denkt diese auf neue Weise weiter. Es ist eine kleine imaginäre Szene, die im Geiste der Commedia dell‘arte die Dialoge verschiedener Personen auf engstem Raum vereint.“ Sie werden manchen Abstecher zu den unterschiedlichen Einsatzorten der Klarinette hören: zum Jazz, Klezmer, zur Tanzmusik. Ganz wichtig zu wissen, es gibt keine Taktstriche in dieser Komposition. Der Interpret, hier der Komponist selbst, kann und soll die Komposition im wahrsten Sinne mit Fantasie und im besten Sinn der Tradition von Fantasie-Kompositionen frei spielen.

György Kurtág – Miniaturen seit 1973 bis heute

György Kurtágs Játékok (Spiele) setzt die Reihe der Miniaturen fort. Kurtág komponiert diese kurzen Charakterstücke für Klavier solo, vierhändig oder für zwei Klaviere, sowohl um den Eindruck von Kinderspielen in Musik zu setzen, wie er selbst einmal sagte, als auch als pädagogische Lehrstücke für Kindern, um sie vom ersten Kontakt mit dem Instrument an mit den Abläufen und dem Denken der zeitgenössischen Musik vertraut zu machen – ähnlich dem Mikrokosmos von Béla Bartók.

Játékok ist ein offenes Werk, das sich ständig erweitert. Seit 1973 sind neun Bände mit unzähligen Miniaturen veröffentlicht worden. Játékok ist aber gleichzeitig viel mehr als nur ein „Kinderspiel“, es ist ein Kompendium kleiner Hommagen an Komponisten von Scarlatti bis Strawinsky und andere Kollegen Kurtágs und ihre Einflüsse. Zudem ist es eine Art Enzyklopädie des Kurtág'schen Denkens: es zeigt alle Charakteristika in dichtester Form und Kürze, die alle seine anderen Werke auch tragen, was Stil, Melodik, Harmonik oder Form anbelangt. György Kurtág und seine Frau Márta pflegten gemeinsam ausgewählte Stücke aus Játékok in Konzerten zu spielen.

Carl Maria von Weber – Doppelkonzert ohne Orchester

Mit Carl Maria von Webers Grand Duo Concertant Es-Dur op. 48 verlassen wir das 20. Jahrhundert und die Miniaturen und gehen über zu deinem „Doppelkonzert ohne Orchester“, wie es der bekannte Musikschriftsteller und Weberkenner John Warrack einmal nannte. Als Paradestück für Klarinette und Klavier könnte man es auch bezeichnen, da beide Partien hochvirtuos und gleichberechtig angelegt sind. Das Grand Duo Concertant ist eine der wichtigsten Kompositionen, die in der Romantik für die Klarinette geschrieben wurde, und gehört zum Standardrepertoire eines jeden Klarinettisten. Die beiden letzten Sätze, das Andante con moto und das Rondo. Allegro, wurden im Juli 1815 komponiert und der erste Satz, das Allegro con fuoco, komplettierte im November 1816 das Duo. Vermutlich hat Weber es für sich (am Klavier) und seinen Freund Heinrich Baermann, einen führenden Klarinettisten der Epoche, komponiert. In seinem Gestus überträgt das Grand Duo die Aura der großen Oper in die Kammermusik.

Dr. Anne Röwekamp

PIERRE-LAURENT AIMARD (Klavier)

Pierre-Laurent Aimard
Photo: Marco Borggreve

Pierre-Laurent tritt weltweit mit den renommiertesten Orchestern unter Dirigenten wie Esa-Pekka Salonen, Vladimir Jurowski, Peter Eötvös, Sir Simon Rattle und Riccardo Chailly auf. Im Rahmen zahlreicher Residenzen hat er sich als Macher, Dirigent und Pianist hervorgetan, etwa bei Projekten für die Carnegie Hall und das Lincoln Center in New York, das Wiener Konzerthaus, die Berliner Philharmonie und das Londoner Southbank Centre. Aimard ist zudem Künstlerischer Leiter des Aldeburgh Festivals. Pierre-Laurent Aimard wurde 1957 in Lyon geboren und studierte am Pariser Conservatoire bei Yvonne Loriod und in London bei Maria Curcio.

Aimard hat eng mit zahlreichen bedeutenden Komponisten zusammengearbeitet, darunter György Kurtág, Stockhausen, Carter, Pierre Boulez und George Benjamin. Auch mit György Ligeti, dessen gesamte Klavierwerke er eingespielt hat, verbindet ihn eine langjährige Beziehung. Durch seine Professur an der Hochschule Köln und weltweite Konzert-Vorträge und Workshops verbreitet er sein umfangreiches Wissen über Musik in einer inspirierenden und sehr persönlichen Art und Weise.

JÖRG WIDMANN (Klarinette)

Jörg Widmann Composer-Clarinettist
Photo: Marco Borggreve

Jörg Widmann gehört zu den aufregendsten und vielseitigsten Künstlern seiner Generation. Als Inhaber des Richard and Barbara Debs Composer Chair der Carnegie Hall New York wird sein Werk in der Spielzeit 2019/20 dort im Fokus stehen. Zudem ist er in dieser Saison in allen seinen Facetten, sowohl als Klarinettist, Dirigent und als Komponist als Residenzkünstler des WDR Sinfonieorchesters, des Palau de la Música Catalana in Barcelona und beim Bergen International Festival zu erleben.

Langjährige KammermusikpartnerInnen wie Sir András Schiff, Daniel Barenboim, Mitsuko Uchida, Tabea Zimmermann, Antoine Tamestit und das Hagen Quartett werden zusammen mit Jörg Widmann unter anderem bei der Schubertiade Schwarzenberg, den Salzburger Festspielen, in der Carnegie Hall New York und dem Wiener Kozerthaus konzertieren.

KOSMOS JÖRG WIDMANN

Jörg Widmann ist ein Künstlerphänomen: Interpret – Komponist – Inspirator.

Er und der Heidelberger Frühling bilden seit 2004 immer wieder eine künstlerische Einheit, die den Antrieb hat, Außergewöhnliches für das Publikum zu schaffen.

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